Helgoland – Gosport

Vorbemerkung

02.08.

Von nun an werde ich nicht mehr über jeden einzelnen Tag berichten. Dieser Text entsteht erst in Portugal, kurz vor Lissabon, und vieles entstammt nur aus der langfristigen Erinnerung und dem Logbuch. Aber ich finde es wichtig, nicht nur wesentliche Ereignisse und Erlebnisse festzuhalten und auf meiner Internetseite zu veröffentlichen, sondern auch meine ganz persönlichen Eindrücke und Empfindungen, auch wenn ich mit dem Schreiben kaum nach komme. Man erlebt einfach zu viel und es gibt auch immer etwas anderes zu tun, als ausgerechnet die Homepage zu pflegen.

Außerdem gibt es nicht immer eine Internetverbindung am Liegeplatz sondern eher in irgendwelchen Bars oder Restaurants und da schleppt man auch nicht immer den Laptop mit. Peter hat es da mit seinem Smartphone einfacher.

Peters Reiseberichte sind dann auch unter der entsprechenden Rubrik auf meiner Homepage eingestellt. Eine zweite Darstellung des Reiseverlaufs.

Helgoland – Gosport

Die Fahrt von Helgoland in Richtung England verlief verhältnismäßig unspektakulär. Wir hatten Kurs abgesetzt auf die Tonne 2a in der Deutschen Bucht, die das Verkehrstrennungsgebiet von dem Inshore Traffic Weg trennt, wohl bedacht, dass das Missachten der Verkehrstrennungswege uns durchaus teuer zu stehen kommen könnte, würden wir uns nicht an die Spielregeln halten. Vorgewarnt waren wir durch Erzählungen unserer Helgoländer Liegenachbarn, die offenbar schon einschlägige Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht hatten.

Die deutschen Behörden haben ja auch nichts anderes zu tun, als harmlose Segler ab zu kassieren, die in der Regel ohnehin an ihrem Leben hängen und darauf bedacht sind, der Großschifffahrt nicht in die Quere zu kommen.

Die Wachen waren eingeteilt; Michael und ich, Peter und Inga und das funktionierte auch gut.

Wir hatten wechselnde Winde aus allen Windrichtungen, auch ‚mal Flaute, so dass wir uns zeitweilig zum Motoren entschlossen und nach zwei Nächten liefen wir am 04.06. morgens gegen 08:00 h in die Seaport Marina in Ijmuiden/Niederlande ein. Für 26,85 € pro Tag durften wir dann auch dort liegen.

Ijmuiden

Diese Entscheidung hatten wir schon vorher getroffen, da es für Michael die günstigste Gelegenheit war, wieder nach Deutschland zu kommen.

Auch wenn die Seaport Marina nicht unbedingt als ein Zierstück architektonischer Gestaltung an zu sehen ist und schon gar nicht als preiswert zu bezeichnen ist (jedenfalls nach den bisher gewohnten Maßstäben), die sanitären Einrichtungen waren erste Klasse. Alles war sauber und ordentlich und vor allem auch großzügig, so dass sogar ich mich vernünftig bewegen konnte.

Den Donnerstag, 04.06., machten wir zum Hafentag. Wir begleiteten Michael nach Amsterdam. Mit dem Bus von Ijmuiden aus dauerte die Fahrt eine knappe Stunde, noch einmal in die Straßenbahn und wir waren am Hauptbahnhof, mitten in der Innenstadt.

Amsterdam HBF

Michael entschloss sich, erst am späten Nachmittag in Richtung Deutschland zu fahren und wir bummelten gemeinsam durch die Stadt.

Wie hatte Amsterdam sich verändert!!! Ich kannte die Stadt aus meiner Jugendzeit und war, wenn ich das recht erinnere, irgendwann in den 80er Jahren letztmalig dort. Die Gebäude und Straßenzüge waren natürlich kaum verändert geblieben, aber das Flair der Stadt, das Lebensgefühl, welches so Anfang der 70er Jahre – zur Zeit der „Hippie-“ und „Flower Power Bewegung“ – zu spüren war, das war weg. Auf den Stufen des Denkmals am „Dam“ saßen zwar nach wie vor Leute, aber es waren nicht mehr die gleichen Typen wie damals, als wir als Jugendliche einen Wochenendausflug nach Amsterdam unternahmen, um dort sozusagen als „Wochenendhippie“ anders zu leben, als zu Hause in Deutschland.

Besonders erschreckend empfand ich – und das ist wirklich nur meine ganz persönliche Empfindung – dass es mir während der paar Stunden, die wir in Amsterdam verbrachten, nicht gelang, eine „Frittenbude“ auf zu treiben, wo ich eine „Frikandel Special“ bekommen konnte (so wie in früheren Zeiten), gab’s einfach nicht mehr!

Keine „Bamis“ und „Nasis“ oder „Lumpias“ in einem Schnellimbiss, stattdessen eine Kebapbude nach der anderen, Pizzabäckereien und vor allem so genannte „Coffeshops“, in denen der Cannabis rauchende „Kiffer“ alles erwerben kann, was sein Herz begehrt.

Canabis

Selbst die „Damen“ des horizontalen Gewerbes in ihren Schaufenstern vermittelten mir einen anderen Eindruck, als das damals der Fall war. Lange nicht mehr so entspannt, keine lockeren Sprüche mehr, keine zwanglose Unterhaltung, nur noch Geld verdienen.

Offenbar wird dieser Teil der Stadt hauptsächlich beherrscht von Menschen mit – im weitesten Sinne – arabischen Wurzeln, und das, so empfinde ich es, ist nicht mehr „mein“ Amsterdam.

Oder bin ich einfach nur zu alt geworden……..????

Gegen 17: 00 h verabschiedeten wir Michael am Bahnhof und suchten ein chinesisches Restaurant auf, das ich auch noch aus früheren Zeiten kannte. Wenigstens hier hatte sich nichts geändert. Wir bekamen einen schönen Tisch mit Blick auf eine Gracht, das Essen war zwar nicht ganz billig, aber gut und wir genossen den Abend.

Amsterdam Gracht

Mit der Straßenbahn ging es dann vom Bahnhof aus zu der Bushaltestelle, von der der Bus nach Ijmuiden abfuhr. Und hier erlebten wir dann, wie man in Amsterdam mit etwas „hilflosen“ Ausländern umgeht. Die Straßenbahnführerin ließ uns auf unsere alten Bustickets, die ja angeblich für die Hin- und Rückfahrt zu dem Ijmuidenbus gelten sollten – es aber nicht taten -, mit ihrer Straßenbahn mitfahren, ohne erneut einen Fahrpreis zu verlangen und, man glaubt es kaum, sie bewahrte uns auch vor einem zu frühen Ausstieg, in dem sie uns zurückrief, als wir schon auf der Straße standen, weil wir meinten, wir seien an der Haltestelle angekommen, von der der Bus nach Ijmuiden abfuhr.

Unseren überschwänglichen Dank nahm sie fröhlich zur Kenntnis.

06.06.

Aufstehen zu wahrhaft „unchristlicher“ Stunde. Wir wollten den mitlaufenden Tidenstrom nutzen, um so weit wie möglich Richtung Westen zu gelangen.

Bei mäßigem Wind hieß es erst einmal innerhalb des „Inshore Trafik Weges“ aufkreuzen, später half uns ein zunehmend auffrischender Wind aus Nordost, der dann wieder über Südost abflaute und dann wieder auf Nordost drehte, um sich dann auf Südwest mit anfänglicher Flaute bei ca. 4 Windstärken zu stabilisieren.

Wir hatten also auf dem Weg nach England das volle Programm: Kreuzen, halsen, von der Genua I auf die Genua III und zurück reffen und dabei noch ein Auge auf den doch recht lebhaften Verkehr entlang der Küste zwischen Hoek von Holland und Calais haben. Da kam keine Langeweile auf.

Die reffbare Genua, die Uli Münker für mich hergestellt hatte, erwies sich hier als echter Segen. Ich mag mir kaum vorstellen, wie die Reise verlaufen wäre, hätten wir immer wieder das Vorsegel wechseln müssen. So ging’s schnell und unkompliziert, lediglich die Holepunkte mussten verstellt werden.

Einige Meilen vor Calais entschlossen wir uns, das Verkehrstrennungsgebiet im englischen Kanal zu kreuzen. Ich hielt mich nicht so ganz an die Spielregeln, indem ich den „rechten“ Winkel, in dem man dieses Gebiet ja zwingend queren sollte, etwas großzügig erweiterte. Das sparte uns ein paar Meilen an Weg, war nicht regelkonform, blieb aber auch ungeahndet. Wir hatten immerhin keines der mit „Full Speed“ dahin dampfenden Riesenfrachtschiffe behindert. Beeindruckend ist es schon, wenn die so vor und hinter einem vorbei rauschen. Ein wenig größer und unbeweglicher als unsereiner sind sie ja dann schon.

P1080079Containerfrachter im englischenKanal

Am späten Nachmittag des 07.06. kamen die „White Cliffs of Dover“ in Sicht. Die Anmeldung über UKW gestaltete sich wider Erwarten als etwas schwierig. Mein englisches Hörverständnis war wohl etwas eingerostet. Jedenfalls hatte ich größte Schwierigkeiten zu verstehen, was der Mensch von „Dover Port Control“ mir eigentlich vermitteln wollte.

White Cliffs of Dover

Nachdem wir die Segel weggenommen hatten, motoren wir fröhlich hinter einer anderen Segelyacht hinterher, die auf die Westeinfahrt zu hielt. Offenbar sollten wir aber die Osteinfahrt nutzen, was uns dann auch durch einen „Pilot“ vermittelt wurde, der mit seinem Lotsenboot auf uns zu gebrettert kam, uns dann aber bedeutete, dass wir hinter ihm her fahren sollten, um uns sicher durch die Westeinfahrt in den Yachthafen zu geleiten.

Kein böses Wort, freundliches Verständnis für die Sprachschwierigkeiten, ein nettes „have a good time“ zum Abschied, das war’s. Über UKW wurde uns von „Dover Marina“ ein Liegeplatz an einem Schwimmsteg zu gewiesen, wir waren endgültig in England angekommen.

Das durften wir auch gleich an den Preisen erkennen. Obwohl der Hafen nicht all zu viel zu bieten hat – immerhin lagen wir an einem Schwimmsteg und waren tidenunabhängig – , die sanitären Anlagen waren dann doch eher bescheiden, nahm man uns für die Übernachtung satte 26,33 britische Pfund (BP) ab, was in etwa 31,60 € entspricht. Das war ein Vorgeschmack auf Kommendes.

In Dover hielt uns nichts. Am folgenden Tag ging’s weiter.

Bei mäßigem Wind unter zeitweiligem Einsatz des Motors nutzten wir so weit es ging die Tide aus, um dann doch relativ spät in Eastbourne ein zu schleusen.

Eastbourne - Schleuse

„Souvereign Harbour“ ist bestens durchorganisiert. Es gab einen total netten Empfang durch einen Mitarbeiter der Hafenverwaltung, das Einchecken verlief völlig unkompliziert.

Die sanitären Einrichtungen waren erste Klasse, was sich dann natürlich auch im Preis nieder schlug. 32,45 BP, also ungefähr 38,94 € waren schon ein stolzer Preis.

Eastbourne

Immerhin, das Ein- und Ausschleusen war kostenlos.

Wir wollten weiter, möglichst rasch in Richtung Solent. Jedoch der Wind spielte nicht mit.  Beachy Head

Flaute! Also unter Motor und Ausnutzung der Tide in Richtung Westen.

Die englische Südküste ist hier mit ihren Kreidefelsen immer noch genau so malerisch, wie bei Dover, lag aber ziemlich im Dunst.

Wir passierten „Beachy Head“ mit seinem Leuchtturm, um dann irgendwann fest zu stellen, dass wir in Bournmouth nicht einlaufen konnten, weil das Wasser noch viel zu niedrig war. Ein Telefonat über UKW mit dem Hafenmeister bestätigte dies. Also weiter.

Der Wind frischte auf, wir setzten Segel, aber wir mußten dann realisieren, dass es kaum eine Chance gab Portsmouth noch bei Tageslicht zu erreichen.

Also kontakteten wir Shoreham Harbour per UKW, um zu erfahren, dass wir ca. zwei Stunden warten mußten, um dort bei entsprechendem Hochwasser einlaufen zu können.

Shoreham

Was blieb uns anderes übrig. Wir fuhren so lange vor dem Hafen hin und her, bis wir über UKW das O.K. zum Einlaufen bekamen.

Die Schleuse war eng und relativ klein. Mit uns war ein kleines Motorboot eingelaufen und die Schleuse damit fast voll. Jedoch ein Fischerboot, das als Katamaran gebaut war, lief noch nach uns ein. Der paßte in seiner Breite gerade so durch die Schleuseneinfahrt und bugsierte sich noch zentimetergenau zwischen uns und dem Motorboot.

Shoreham - Schiff in Schleuse von hinten

Während des Schleusenvorgangs erklärte uns der Schleusenwärter, der wohl auch gleichzeitig die Funktion des Hafenmeisters ausübte, wo wir fest machen sollten.

Nach dem Ausschleusen entpuppte sich dann die „Lady Bee Marina“ als etwas verwahrloste Anlage mit eher rudimentären sanitären Einrichtungen.

Es lagen einige ungepflegte Yachten an den Stegen, denen man an sah, dass sie seit Ewigkeiten nicht mehr bewegt worden waren.

Auch die Gebäude entlang der Pier verströmten einen eher morbiden Charme des Verfalls, obwohl sie Werkstätten und Geschäfte beherbergten.

Dieses, doch eher rustikale Ambiente,  schlug sich dann auch in der Höhe des Hafengeldes nieder: 25,00 BP entsprechend 30,00 €, auch nicht gerade ein Preisknüller, aber preiswerter als anderswo bisher.

Für den kommenden Tag war Hochwasser erst zum späteren Vormittag angesagt, was mir natürlich sehr entgegen kam. Das Ziel Portsmouth war allerdings so roundabout 60 nm entfernt und der Wind wehte, wenn auch mit angenehmen vier Bft aus SW genau gegen an. Kreuzen war wieder einmal angesagt. Wir kamen zwar zügig voran, aber eben nicht immer in die richtige Richtung. Aus dieser Erkenntnis heraus und weil mittlerweile der Tidenstrom sich deutlich gegen uns entschieden hatte, entschlossen wir uns dann doch am Nachmittag, die Maschine an zu schmeißen und den direkten Weg in den Solent zu nehmen. Nachts nach Portsmouth ein zu laufen war nicht unbedingt mein Ding und so war man froh, dass um diese Jahreszeit die Tage so lang waren.

Keiner von uns hatte richtig Lust bei Fahrt unter Motor zu steuern. Also nahmen wir den Autopiloten in Betrieb, der aber nach einiger Zeit seinen Geist aufgab. Immer wieder löste sich die Kupplung des Steuermotors, so dass keine Kraftübertragung auf das Ruderrad mehr statt fand und das Schiff dann aus dem Ruder lief. Da half auch kein Festbinden mehr. Es mußte von Hand gesteuert werden.

Die Entscheidung, den Motor zu Hilfe zu nehmen, war gut so. Am frühen Abend kam „Nab Tower“ an Backbord in Sicht, gegen 20.00 Uhr passierten wir „Horse Sand Fort“ um dann durch den „Small Boat Channel“ in die „Gosport Marina“ gegenüber von Portsmouth ein zu laufen.

PortsmouthSelbst nach 22:00 Uhr wurden wir von einem netten Marinamitarbeiter in Empfang genommen, der uns einen bei Niedrigwasser ausreichend tiefen Liegeplatz zuwies.

Selbst die Formalitäten konnten wir um diese Uhrzeit noch im Hafenbüro abwickeln, was auch nötig war. Die Marina war gesichert wie „Fort Knox“. Man brauchte einen Transponder um durch das Tor auf die Steganlagen zu gelangen, man brauchte den Transponder, um in die Sanitäranlagen zu gelangen und man brauchte eine Freischaltung für die Stromversorgung, der Strom war allerdings im Liegegeld enthalten.